Radeberger Gruppe: „Eine sehr schwere, nun aber nicht mehr aufschiebbare Entscheidung“

Radeberger Gruppe passt ihre Aufstellung an langfristige Marktentwicklungen an: Frankfurter Produktions- und Abfüllstandort geht schrittweise vom Netz – Marken bleiben erhalten – Mengen werden verlagert

Binding-Brauerei wird geschlossen
© Radeberger Gruppe
13.10.2022
Quelle:  Firmennews

Es war eine Entscheidung, die sich die Verantwortlichen nicht leicht gemacht haben, zu der es aber im Lichte der Stapelkrisen, daraus resultierender beispielloser Kostenexplosionen sowie langfristiger Marktentwicklungen nun keine Alternative mehr gab: Die Radeberger Gruppe wird den Produktions- und Abfüllbetrieb an ihrem Frankfurter Standort, also der Binding-Brauerei, bis spätestens Oktober 2023 einstellen sowie die dort produzierten und abgefüllten Marken und Mengen schrittweise an Schwesterstandorte verlagern. Damit stellt sich der Marktführer im deutschen Biermarkt vorausschauend auf einen durch strukturelle Veränderungen langfristig weiter rückläufigen, vor allem aber durch die langen Schatten der Krisen zusätzlich empfindlich unter Druck stehenden Biermarkt ein, nimmt aktiv wirtschaftlich stark belastende Überkapazitäten aus dem Markt und sorgt somit für eine optimierte Auslastung und Stärkung ihrer Braustandorte in allen Regionen Deutschlands.

„Wir haben lange gerungen, die Frankfurter Binding-Brauerei als einen für uns alle emotional besonderen Standort zu erhalten: So haben wir sämtliche alternative Ansätze und Routen ausgelotet, Spielräume genutzt und damit über Jahre auch wirtschaftliche Nachteile in Kauf genommen mit dem Ziel, diese schwere Entscheidung nicht treffen zu müssen. Vor dem Hintergrund der jüngsten Krisen, der massiven Belastungen, mit denen sich die deutschen Brauer konfrontiert sehen, und nicht zuletzt der dramatischen Kostenexplosionen, die wir als Branche schultern müssen, ist das für die Unternehmensgruppe nun leider nicht mehr länger darstellbar“, beschreibt Guido Mockel, Sprecher der Geschäftsführung der Radeberger Gruppe, die Hintergründe.

Zusatzbelastungen in dreistelliger Millionenhöhe
Die Branche habe sich noch nicht annähernd von den Folgen der Pandemie erholt und ächze nun bereits unter den wohl dramatischsten Kostensteigerungen seit Ende des Zweiten Weltkriegs. „Allein in unserer Unternehmensgruppe belaufen sich diese Belastungen nach derzeitigem Stand bereits auf einen zusätzlichen dreistelligen Millionenbetrag, Tendenz weiter steigend. Eine Summe, die sich nicht mehr allein durch Effizienzsteigerungen abfedern lässt“, so der Brauereichef.

Aus ebendiesem Grund hatte die Unternehmensgruppe bereits Anfang September bekannt gegeben, ihre Abgabepreise ab 1. Dezember 2022 moderat anpassen zu müssen. Dies reiche aber nicht aus, um bei den derzeitigen Markt- und Kostenentwicklungen nachhaltig gegenzusteuern: „Wir arbeiten in einem sehr preissensiblen Marktumfeld, in dem Preisanpassungen nur mit Augenmaß erfolgen können. Daher müssen wir, nach sorgfältigem Ausloten aller alternativen Ansätze, nun zusätzlich an unseren Fix- und Betriebskosten arbeiten – also Unschärfen in unserer Aufstellung reduzieren, zum Beispiel durch nicht optimal ausgelastete Brau- und Abfüllkapazitäten“, so Mockel.

Diese Herausforderung adressiert die Unternehmensgruppe jetzt mit dem angekündigten Herunterfahren der Binding-Brauerei im Jahr 2023: „Auf der einen Seite bestehen hier am Frankfurter Produktionsstandort selbst erhebliche Überkapazitäten, die wir in der Vergangenheit nur mit großen unternehmerischen und wirtschaftlichen Kraftanstrengungen weiter auslasten konnten. Zum anderen war unser Ziel, diese gruppenweit bestehende Herausforderung mit einem Schritt, an einem Standort zu beantworten“, erläutert der Unternehmenssprecher.

Unternehmenszentrale verbleibt in Frankfurt – Marken werden fortgeführt
Die Zentrale der Radeberger Gruppe in Frankfurt ist von dieser Maßnahme ausdrücklich nicht betroffen, sie wird weiterhin ihren Sitz am Sachsenhäuser Berg haben. Auch die von der Binding-Brauerei gebrauten und abgefüllten Marken und Mengen bleiben über das Ende des Frankfurter Produktions-standortes hinaus nach bewährten Rezepturen erhalten.

Sozialverträgliche Lösungen
Über die Entscheidung und weitere Planung hat die Unternehmensgruppe ihre Belegschaften bereits informiert: „Wir wissen, dass wir damit unsere Kolleginnen und Kollegen der Binding-Brauerei hart treffen. Deswegen haben wir in den Vorjahren viele Schleifen gedreht und Maßnahmen umgesetzt, um diese Standortschließung zu vermeiden. Doch auch im Sinne unserer verbleibenden rund 6.800 Mitar-beitenden müssen wir diesen Schritt nun konsequent gehen, so schwer uns das auch fällt“, betont Guido Mockel. „Somit dient diese Maßnahme an einem Standort der nachhaltigen Stärkung anderer Standorte.“

Für die betroffenen rund 150 Mitarbeitenden wird die Radeberger Gruppe in den jetzt anlaufenden Gesprächen mit den Arbeitnehmervertretungen wo immer möglich sozialverträgliche Lösungen suchen. Das können zum Beispiel Angebote für Altersteilzeit oder auch alternative Jobangebote an ihren anderen Standorten sein.

Nachhaltig fit für die Marktentwicklung
Mit diesem Schritt stellt sich die Radeberger Gruppe für eine langfristige Marktentwicklung auf, die durch die letzten zweieinhalb Jahre im Krisenmodus noch einmal dramatisch beschleunigt wurde: So ist der deutsche Biermarkt bereits seit vielen Jahren rückläufig. Seit Beginn dieses Jahrtausends hat er knapp 25 Millionen Hektoliter Absatz verloren, während die Branche lediglich marginale Kapazitätsanpassungen vorgenommen hat. „Allein durch die Corona-Pandemie sind unserer Braubranche in nur zwei Jahren knapp sieben Millionen Hektoliter Bierabsatz verloren gegangen: eine Menge, die bei regulärer Marktentwicklung wohl erst in den nächsten sieben bis zehn Jahren entfallen wäre. Das ist ein regelrechtes Absatztrauma für die Brauer“, erläutert Mockel. In der Folge leidet die deutsche Brauwirtschaft nun mehr denn je unter ungesunden Überkapazitäten, die einem nachhaltigen Wirtschaften immer mehr im Wege stehen.

„Nicht optimal ausgelastete Brau- und Abfüllkapazitäten produzieren in erster Linie eines: vermeidbare Kosten. Und zwar in erheblichem Ausmaß“, beschreibt Guido Mockel die belastende Situation für die deutschen Brauereien. „Was für die Branche gilt, gilt für uns als Marktführer ebenso: Auch in unserer Unternehmensgruppe haben sich über die Jahre durch Marktveränderungen, Nachfrageverschiebungen oder ganz einfach historisch gewachsene Überdimensionierungen der Brau- und Abfüllanlagen an einigen Standorten deutliche Überkapazitäten angesammelt, die wir im Lichte von Krisen und wirtschaftlichen Herausforderungen nun nicht mehr unangetastet lassen können, um auch in Zukunft kraftvoll im Markt agieren und diesen gestalten zu können“, so Mockel. „Dazu treten wir an. Aber dafür braucht es eben jetzt auch diese Konsequenz.“

Die größte private deutsche Brauereigruppe mit ihren deutschlandweit weiterhin 13 Bierstandorten und ihrem Mineralbrunnen in Löhnberg wird auch weiterhin aus der Mainmetropole geführt. Rund 380 Mitarbeitende sorgen in der Frankfurter Hauptverwaltung für eine zentrale Steuerung der zahlreichen nationalen wie regionalen Engagements der Unternehmensgruppe im Bier- und Getränkemarkt, die mehr als 80 Marken in ihrem breit gefächerten Portfolio führt, größter Fassbiervermarkter Deutschlands ist und ihre Branche auch als führender Getränkelogistiker sowie Betreiber von Getränkefachmärkten kraftvoll gestaltet.

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